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(Im-)Perfect- Vom Entlein zum Schwan


Viele von euch wissen, dass ich stetig versuche, Frauen Mut zu machen- Ihnen zu sagen und zu zeigen, dass es nicht notwendig ist, in die Gesellschaftsnorm zu passen. Dass es eben nicht nur darum geht, einen perfekten BMI, eine gerade Nase, große Augen und makellose Haut zu haben. Dass es keine Rolle spielt, ob man 1,60m oder 1,80m ist und dass es, vor allem für schöne Bilder, nicht notwendig ist, in die Modelmaße der Modeindustrie zu passen. 
Ich scheitere immer noch, denn viel zu oft lese oder höre ich Sätze wie "Puh, für so ein Shooting muss ich erst noch abnehmen" oder "das auf deinen Bildern sind ja alles Models" und "wenn ich nicht so ….wäre, würde ich so ein Shooting gern mal machen". 

Aussagen, die mir nicht nur als Fotografin, sondern auch als Frau manchmal wirklich Kopfschmerzen bereiten.

Ich kenne diese Gedanken zu gut, denn auch ich war eine lange Zeit sehr unzufrieden mit mir- etwas über 100kg auf der Waage haben mir viele Jahre das Selbstwertgefühl genommen und es mir schwer gemacht, mich zu lieben. Ich hab mich auch überhaupt nicht fit gefühlt. Die Schönheiten, die uns tagtäglich von Social Media und Co als "perfekt" vorgelegt werden, haben das natürlich nicht unbedingt besser gemacht. Aber... und jetzt kommt der Punkt: Ich hatte es selbst in der Hand. Ich liebe Essen, ..habe eine Schwäche für ungesunden Süßkram und ich bin manchmal wirklich ein Fauli. Für Sport hatte ich eigentlich noch nie viel übrig, außer für Sportarten, die ich aufgrund meiner kaputten Knie eigentlich besser nicht betreiben sollte (Snowboarden, Eislaufen..) - eins führt da schnell zum anderen und dann darf man sich nicht wundern, wenn man aufgeht wie Hefe und sich nicht mehr wohl fühlt. Um zum Punkt zurück zu kommen: Ich hatte mein Schicksal selbst in der Hand. Die "Schuld" lag bei mir und ich konnte das ändern. Meine überschüssigen Kilos habe ich nicht mit Diäten verloren, sondern durch mehr Arbeit, Stress und weniger Zeit für Langeweile-Essen. Das ist natürlich nicht der optimale Weg- das möchte ich auch nicht unterstützen, denn Stress ist ebenfalls ungesund. Aber ich fühl mich jetzt immerhin ganz gut. Ich werde vermutlich nie die perfekte Figur haben, dafür bin ich einfach nicht konsequent genug, aber das ist für mich in Ordnung. Denn ich könnte es ja ändern, wenn ich wollte ;D Als ich dann anfing, ab und an vor die Kamera zu stehen, hat mir das zusätzlichen Mut gegeben und nach und nach habe ich gelernt, mich vor der Kamera wohl zu fühlen. Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass es so viele schöne Bilder von mir gibt und schau sie immer wieder gern an. Ich verbinde viele dieser Bilder mit einer unvergesslichen Zeit und sie werden mich immer daran erinnern, dass ich eine hübsche, starke und vor allem gesunde Frau bin, die das Leben liebt und schätzt.

Und jetzt kommen wir endlich zu dem Punkt, um den es hier eigentlich geht: 
Es gibt Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können- und es gibt welche, die schwere Hürden überwinden müssen und erstmal nichts dagegen tun können. 
Die vom Schicksal (oder was auch immer) nicht unbedingt belohnt werden und einen Weg finden müssen, damit klar zu kommen. 

 

 


Dilara gehört zu diesen Menschen

Hier ihre Bewerbung:
"Ich habe gerade deinen Post gesehen und muss echt sagen ich finde die Aktion der Hammer... zu meiner Geschichte:
Ich hab seit der Geburt eine seltene Krankheit und wurde bisher schon 10 mal am Arm operiert. Ich habe eine Riesen Narbe am Arm und nur 9 Finger. Ich trage nie Tops, weil mich die Leute dumm ansehen und mich immer über meine Narben ausfragen. Ich versuch selbst im Frühsommer leichte Langarm Shirts zu tragen, damit keiner den Arm sehen kann. Der Arm ist leider voller Fett und dicker als der rechte Arm. Das ist die Krankheit, immer wieder wird dieses Fett raus geschnitten und dann wächst es unkontrolliert weiter. Das schlimme ist, viele Beleidigungen haben mein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein komplett kaputt gemacht. Ich poste nur noch Fotos von meinem Gesicht und verstecke auf jedem Foto meinen Arm. Zudem habe ich leider durch die ganzen Operationen zugenommen, weil ich keinen Sport machen darf und seit langer Zeit in Behandlung bin. Ich fotografiere gerne, nur damit ich mich nicht auf einem Foto wieder finde. Würde mich sehr freuen, wenn ich mal gut aussehen würde, wenigstens auf Bildern."


Diese Bilder hat Dilara mir mitgechickt. 
Und mein erster Gedanke war "Wahnsinn! Was hat diese junge Frau für eine tolle Ausstrahlung" - mein Fokus lag überhaupt nicht auf der Hand und ich denke, hätte ich sie direkt persönlich kennengelernt, wäre mir der fehlende Finger lange Zeit überhaupt nicht aufgefallen. 
Selbst nach unzähligen weiteren Nachrichten ging Dilaras Geschichte mir nicht aus dem Kopf und deshalb ist sie die Erste, die ich euch hier vorstellen möchte.


Dilara ist 24 Jahre alt und leidet von Geburt an unter einer sehr seltenen Krankheit, die lange nicht identifiziert werden konnte. 

Erst im August 2019 wurde an der Uniklinik in Tübingen dank eines Genetiktest eine seltene Mutation diagnostiziert. Diese erstreckt sich über ihren linken Arm, von der Schulter bis in die Fingerspitzen. Aktuell sind in Deutschland nur 2 oder 3 weitere Fälle bekannt.
Aufgrund der Seltenheit, gibt es noch keine getesteten und von der Krankenkasse bezahlten Medikamente.
Ab August nimmt Dilara an einer Studie teil. 

Bereits mit 4 Jahren wurde ihr der Zeigefinger der linken Hand amputiert. Und wir alle wissen, dass Kinder manchmal grausam sein können.

So musste Dilara schon früh mit Hänseleien und Beschimpfungen zurecht kommen.

Wenn man bereits im Kindesalter als "Missgeburt" oder ähnliches beschimpft wird, hinterlässt das tiefe Narben.
Die ständigen Operationen haben den psychischen Narben noch physische auf dem kompletten Arm hinzugefügt, was ihr das Leben natürlich nicht erleichtert hat.
Sie hat Schmerzen im Arm, mit denen sie gelernt hat zu leben. Ein schlimmer Phantomschmerz dort, wo einst ihr Zeigefinger war... 
Aufgrund der vielen OP´s durfte sie keinen Sport mehr betreiben und musste ihre Leidenschaft, das Basketball spielen aufgeben.
Dilara erzählt mir,dass sie früher sehr gern Sport gemacht hat und dass es schwierig war, das aufgeben zu müssen. 
Auch im Basketballteam war es nicht immer leicht, aber sie wurde akzeptiert, weil sie gut war. 
Ihre Krankheit hinderte sie stetig daran, ihr Leben so zu leben, wie es andere Kinder und Jugendliche tun.

Die schulischen Leistungen ließen aufgrund der Fehlzeiten nach, so musste Dilara vom Gymnasium auf die Realschule wechseln und auch während ihrer Ausbildung wurde sie nicht verschont. Selbst heute im Berufsleben muss sie sich noch für Fehlzeiten rechtfertigen. 

Auch wenn es um so etwas normales wie Dates mit Jungs ging, hatte Dilara mit hirnlosen Kommentaren und Aussagen zu kämpfen. 
Mit ihrem jetzigen Partner ist sie seit 6 Jahren zusammen- er hat offensichtlich verstanden, worum es im Leben und beim Miteinander wirklich geht. 
PS an den Freund: Du solltest deine wundervolle, starke Freundin  nie mehr gehen lassen und sie heiraten ;D 


Eine ehemalige Arbeitskollegin hat Dilara vor ein paar Jahren mal gefragt, ob sie nicht neidisch auf ihre Zwillingsschwester sei, denn die müsse ja schließlich nicht mit den hässlichen Narben rumlaufen. Dilara konnte damals wie heute nur fassungslos den Kopf schütteln und sagt selbst: Meine Zwillingsschwester ist das komplette Gegenteil von mir, sie ist groß, schlank und wunderschön und ich liebe sie. Niemals würde ich mir wünschen, mit ihr den Platz zu tauschen und ich kann nicht verstehen, wie man so etwas überhaupt fragen kann.
Ein Versicherungsvertreter fragte sie mal "Gott du armes Ding, wer hat dir denn das angetan?".
Im Urlaub konnte Dilara im Aufzug hören, wie zwei Urlauber miteinander über ihre Narben diskutierten. "Hast du die Narben gesehen, die wurde bestimmt vergewaltigt" … vermutlich dachten die beiden, Dilara würde kein Deutsch sprechen. Und nach einer Vergewaltigung wird einem ja schließlich der Arm aufgeschlitzt. Klare Sache.

Mein Fazit  nach viel fassungslosem Kopfschütteln: Die Empathie mancher Menschen ist schlichtweg armselig. 

 

 

 

 

Und Dilara ist ein unfassbar starker und liebenswerter Mensch. Das wusste ich bereits, nachdem ich ihre Nachricht  auf Instagram gelesen hatte.
Im Laufe unseres persönlichen Gesprächs wird das mehr als bestätigt und ganz ehrlich? ... Ich weiß nicht, wie viel davon ich selbst ertragen hätte. 

Dilara sitzt mir mit ihren 24 jungen Jahren gegenüber, spricht mit offenem Herzen über ihr Leben und ich bin endlos beeindruckt, wie positiv sie ist. 

 

 

Sie sagt: " Natürlich hab ich Tage, an denen ich nur heulen könnte. Ich hab ständig Schmerzen und manchmal denk ich natürlich darüber nach, wie es ohne die Krankheit wäre. Aber dann denke ich wieder "Reiß dich zusammen Dilara, anderen geht es noch viel schlimmer". Ich hab eine  Familie, einen Freund und tolle Freunde, die mir den Rücken stärken. Besonders meinen Eltern gegenüber bin ich unheimlich dankbar. Ohne sie wäre ich heute nicht so stark. Ich hab ihnen so viel zu verdanken. Ich habe von ihnen so viel Liebe und Halt bekommen, ohne die beiden wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Ich bin selten schlecht drauf und möchte kein Mitleid. Ich schäme mich auch nicht, aber es ist trotzdem schwer, weil die Gesellschaft eben ist, wie sie ist.
Auf Fotos stell ich mich immer so, dass man den Arm nicht sieht und im Sommer zieh ich eigentlich nie was an, was den Arm zeigt.
Ich trag meistens weite, bequeme Klamotten und wenn ich mal ein schönes Kleid brauch, hab ich immer Probleme, weil mein linker Arm einfach mehr Platz braucht.

Meine größte Angst war, dass die Krankheit vererblich ist und meine Kinder vielleicht ebenfalls damit auf die Welt kommen. Zum Glück wurde mir gesagt, dass das nicht der Fall ist. Trotzdem hab ich Angst, dass meine Kinder mal für ihre Mutter ausgelacht oder gehänselt werden. Ich hab außerdem Angst davor, dass die Medikamente vielleicht nicht anschlagen und ich irgendwann nicht mehr Arbeiten kann. "

Auf meine Frage: "Was findest du an dir hübsch oder besonders gut" zögert Dilara etwas und sagt schließlich: "Meinen Charakter! Ich bin stolz darauf, wie ich mich entwickelt habe.... Mein Gesicht mag ich im Großen und Ganzen auch."
Schönheits-OP´s kommen für sie definitiv nicht infrage. 

Anderen Menschen wie ihr würde Dilara sagen: "Solange im Kopf und im Herzen alles gut ist, bist du der perfekte Mensch" 

Während ich diesen Beitrag verfasse, an unser Gespräch denke und immer wieder Zeilen ergänze, kämpfe ich mit den Tränen, weil ich mir nicht vorstellen kann, was Menschen wie Dilara Tag für Tag durchmachen müssen. Wie unsere Gesellschaft so grausam sein kann. .. 
Und dann denke ich wieder daran, wie fröhlich Dilara zu mir ins Studio kam und mich beeindruckt hat. Mit ihrem offenen Lachen und den strahlenden Augen, mit ihrer Einstellung und ihrem wundervollen Charakter-  davon können sich viele von uns eine Scheibe abschneiden und es zeigt mir wieder, warum ich dieses Projekt gestartet hab.
Nicht um hübsche Mädels noch hübscher darzustellen, nicht um Menschen ein Shooting zu schenken, die ihr Schicksal selbst in der Hand haben und nicht, um mir selbst etwas zu beweisen. Sondern um Menschen wie Dilara etwas zu Schenken. Um ihre Geschichte zu erzählen. Um euch aufzuzeigen, wie wichtig es ist, ein guter Mensch zu sein und auf seine Mitmenschen zu achten. Um zu verdeutlichen, dass unperfekt eben manchmal mehr als perfekt ist. Und natürlich, um weiteren Frauen Mut zu machen. Frauen, die denken, sie wären nicht hübsch/schlank/groß/gut/......genug.

Ein riesiges Dankeschön natürlich an Dilara, für ihren Mut, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Danke für dein Vertrauen und die schöne Zeit, die ich mit dir verbringen durfte <3

 


Nachfolgend seht ihr, was wir beim Shooting so gemacht haben :)

 

Vor dem Styling







Hier ein unbearbeitetes Bild nach dem Styling.
Dilaras schönes Gesicht ist mir, direkt nach ihrem strahlenden Sonnenschein-Lachen und ihrer tollen Ausstrahlung als Erstes aufgefallen.

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Kommentare: 9
  • #1

    Elisa (Montag, 10 Februar 2020 19:43)

    Wow! Was für eine wunderschöne starke junge Frau! Danke für diese tolle Aktion, Mara!

  • #2

    Patrick (Montag, 10 Februar 2020 20:26)

    Mega tolle Aktion, was für eine hübsche Frau!!! Jeder der so dumm rumlässtert sollte sich schämen den derjenige ist 100% hässlich! Ja das ist immer schlimm wenn man gemobbt wird in der Schule, diese Wunden heilen nie! Das weiß ich leider auch. Ebenso wenn man auf das aussehen oder Gewicht reduziert wir. DANKE LIEBE MARA FÜR DIE TOLLE AKTION UND AUCH DANKE AN DILARA FÜR IHRE GESCHICHTE UND DIE WUNDERSCHÖNEN BILDER

  • #3

    Tamara (Montag, 10 Februar 2020 20:28)

    Toller Bericht, tolle Fotos und noch ein viel tolleres Modell.
    Schön, dass es euch gibt ❤️!

  • #4

    Amy (Montag, 10 Februar 2020 20:40)

    Ja Menschen sind manchmal echt banane. Ich bin sehr beeindruckt und finde auch, dass Dilara so richtig schön ist. Mir fällt da auch immer ein Spruch ein, den ich manchen arroganten dummen Hühnern gerne mal um den Latz knallen würde: "Du bist nicht schön-du siehst nur so aus." Dilara ist schön. Von innen (wenn du das sagst Mara!) und von außen. ❤️

  • #5

    Addi (Montag, 10 Februar 2020 20:55)

    Wunderschön ....... Dilara macht die Bilder noch schöner

  • #6

    Elli (Montag, 10 Februar 2020 22:42)

    Wundervoll!
    Dilara lass dich weiterhin nicht verunsichern ! Ich finde es super toll, dass du beim Projekt mitgemacht hast ��☺️

    Und deinem Freund , sollte er es nicht selbst schon wissen, kann man ruhig sagen, dass er dich heiraten soll ��

    Vielen Dank für deine Offenheit und wunderbaren Worte ! Du machst da draußen einigen Mut �

  • #7

    Chloe (Dienstag, 11 Februar 2020 09:11)

    Absolut mega tolle Aktion! <3 und dilara ich bin mehr als beeindruckt wie du damit umgehst. Bleib so wie du bist! <3 und mara du bist wirklich ein besonderer Mensch. Danke für die großartige Aktion die nicht nur den Menschen hilft die du fotografiert. Sondern gleichzeitig auch denen Mut machst zu sich selbst zu stehen die das bisher nicht konnten. Danke! Wehe du änderst dich jemals xddd

  • #8

    Betty (Samstag, 15 Februar 2020 19:23)

    Diese Bilder sind einfach der Wahnsinn und ich muss dazu sagen, dass mir auf den ersten Bildern weder ihre Narben noch der fehlende Finger aufgefallen sind. Ihre wundervolle Ausstrahlung zieht einen einfach so in den Bann das man alles andere übersieht!
    Wunderschöne Frau, wundervolle Bilder und eine sehr berührende Geschichte!

  • #9

    Evelyn (Freitag, 06 März 2020 16:13)

    Wow!!! Wahnsinn, was für eine Tolle junge Frau, ich hab es erst gar nicht bemerkt, mit dem Arm und der Hand. Ich war ganz fasziniert von dem hübschen Gesicht und dessen Ausstrahlung. Eine sehr bewegende Geschichte und Hut ab. Wahnsinnig tolle Bilder. Großes Lob!!! Ganz herzliche Grüße Evy

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